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Vogelschädel
Textquelle: Norbert Loacker, "Aipotu"

"Ich persönlich hasse Drehtüren. Ohne Übertreibung. Ich meide sie wo ich nur kann. Eine gewöhnliche Tür ist entweder offen oder geschlossen. Das sind klare Tatbestände. Sie kann auch angelehnt sein. Je nach den Umständen wirkt das auf mich provisorisch, nonchalant, fahrlässig oder verführerisch und zärtlich. Auch dafür habe ich etwas übrig.

Klinke, Drehknauf, Schlüssel, Riegel, Kontaktteppich oder Selenzelle, was auch immer, man hat die Wahl, die Freiheit, die Macht, hinein- oder hinauszugehen - oder es sich noch einmal zu überlegen. Auch wenn die Tür schon offensteht, mit einem klaren Schritt überquert man eine klare Linie. Oder man stolpert. Für den Betrachter ist beides eine Information.

Türflügel kann man aufstoßen oder aufstoßen lassen, um allein, Arm in Arm oder in Viererreihen einzuziehen. Eine Tür kann man zuknallen oder ins Schloß drücken. Man kann ihr Schloß mit einer Pistole aufschießen, sie mit der Schulter voran einrennen, oder einen Todkranken, der dahinter im Zimmer liegt, durch vollkommen geräuschloses Öffnen schonen.

Eine Tür ist ein Stück wiederrufbare Wand.

Eine Drehtür ist all dies nicht und kann das alles nicht. Eine Drehtür ist ein Zynismus. Sie ist weder offen, noch geschlossen, höchstens blockiert, sie ist auch nicht anzulehnen. Ihre Behandlung durch den Eintretenden ist überhaupt nicht aufschlußreich. Sie verwischt die wichtige und geheimnisvolle Grenze der Schwelle. Unmöglich geradewegs einen Raum zu betrehten, wie man möchte! Die Tür drängt jeden auf einen Halbkreispfad um ihre Drehachse. Aussichtslos seinen natürlichen, persönlichen, unverwechselbaren Schritt beibehalten zu wollen! Die Tür nötigt jeden zu einem konformen und lächerlichen Getrippel, gegen das keiner sich wehren kann, ohne aufgeschürfte Schuhfersen zu bekommen. Niemand wagt sich Arm in Arm hinein. man muß für seine Braut, seinen Bernhardiner oder seine Seemanskiste eine andere Lösung finden.

Dieser rotierende Zylinder ist für mich wie ein Sarg. Selbst wenn er aus Glas ist. Er trennt mich hermetisch von einer Welt, um mich kurz darauf in eine andere auszuspeien. Wenn ich umkehren möchte, bringe ich das System durcheinander. Ich kann niemandem den Vortritt lassen, ohne ihn gleichzeitig von hinten zu stoßen. Durch eine Drehtür zu dringen setzt ungeheuren Mut voraus. Mir graut, wenn ich jenseits der Achse einen namenslosen Niemand, einen Nemo oder Utis, ins Imaginäre streben sehe. Eine Drehtür erinnert mich zwangsläufig an jene mythischen Einbahnhöhlen, aus denen keine Spuren mehr herausführen. Eine Drehtür macht den Raum dahinter zu einem potentiellen Auflösungs-, Zersetzungs-, Nichtungs- und Vernichtungslokal. Ein Paralysatorium.

Der Mensch ist immer irgendwie ihr Opfer. Und je nach ihrem Drehmoment ist seine Wehrlosigkeit entweder eine Farce oder eine Tragödie."




© Bodo Kälberer | Letzte Änderung: 6.0.2002 - 26: 2 | Original Fundort